Warum ein Wiedereinstieg in Atom für Deutschland keine rationale Option ist

Der Ruf nach einem Wiedereinstieg Deutschlands in die Kernkraft klingt in politischen Debatten laut – doch bei nüchterner Betrachtung der wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und zeitlichen Realitäten erweist er sich als das, was er größtenteils ist: Populismus ohne substanzielle Grundlage.


Das Kostendebakel: Zahlen, die für sich sprechen

Das prominenteste Beispiel für die wirtschaftliche Realität des Atomkraft-Neubaus liefert das französische AKW Flamanville 3. Ursprünglich mit 3,3 Milliarden Euro Baukosten und fünf Jahren Bauzeit kalkuliert, dauerte der Bau tatsächlich 17 Jahre und kostete nach Berechnungen des französischen Rechnungshofs am Ende 23,7 Milliarden Euro – eine Kostensteigerung um den Faktor 7. Ähnliche Dimensionen zeigt das britische Hinkley Point C, wo ebenfalls pro Block rund 23 Milliarden Euro veranschlagt werden.

Bei einer marktüblichen Renditeerwartung von 4% müsste Atomstrom aus Flamanville bereits 12,2 Cent pro Kilowattstunde kosten – weit über dem politisch vereinbarten Zielpreis von 7 Cent, und auch weit über den aktuellen Gestehungskosten von Photovoltaik und Windkraft. Der globale Markt spiegelt diese Realität wider: 2024 stagnierte der Weltmarkt für Atomkraftwerke auf einem historischen Tiefstand; lange Bauzeiten, hohe Investitionskosten und Finanzierungsrisiken lähmen privatwirtschaftliches Interesse.

Bezeichnenderweise erklärte RWE-Chef Markus Krebber noch Anfang März 2026: „Stand jetzt ist eine Investition für ein privatwirtschaftliches Unternehmen in SMRs nicht darstellbar.“ (näheres zu SMR weiter unten)​


Der Zeitfaktor: Zu spät für das Klima

Deutschland hat sich gesetzlich das Ziel gesetzt, bis 2045 klimaneutral zu werden. Dieser Zeitrahmen ist entscheidend für die Bewertung jeder neuen Energieoption. Selbst bei sofortiger politischer Entscheidung zum Wiedereinstieg – inklusive Aufhebung des Atomgesetzes, Genehmigungsverfahren, Einspruchsrunden und Bauphasen – wäre kein einziges neues Großkraftwerk vor 2045 am Netz. Das Beispiel Flamanville zeigt: Zwischen Baubeginn und Netzzugang lagen 17 Jahre, und das trotz bestehender Erfahrung und Infrastruktur und der nötigen Gesetze.

Hinzu kommt: In Deutschland existiert kein erfahrenes Betreiberkonsortium mehr. Die letzten Anlagen wurden 2023 vom Netz genommen; das nukleartechnische Know-how ist in weiten Teilen dispersiert oder verloren. Die Betreiber haben allesamt den privatwirtschafltichen Bau neuer Kraftwerke abgelehnt. Eine Reaktivierung bestehender Anlagen wäre laut eigener Einschätzung nich mehr Sinnvoll und auch nicht mehr möglich.​


Das Versicherungsproblem: Versteckte Subventionen in Billionenhöhe

Ein zentrales, in der öffentlichen Debatte kaum diskutiertes Argument betrifft die Nicht-Versicherbarkeit von Atomkraftwerken. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält fest: Kernkraft ist weder versichert noch versicherbar – was bedeutet, dass ein Großteil der Risikokosten faktisch vom Steuerzahler getragen wird. Eine Studie der Versicherungsforen Leipzig GmbH hat berechnet: Würden AKW-Betreiber ihre Anlagen nach versicherungswissenschaftlichen Maßstäben angemessen absichern, müsste der Preis für eine Kilowattstunde Atomstrom auf bis zu 2,36 Euro steigen – mehr als das Zehnfache des durchschnittlichen Haushaltsstrompreises.

Weltweit gilt: Individuelle Versicherer schließen Nuklearrisiken grundsätzlich aus ihrer Deckung aus; es existieren lediglich staatlich gestützte Poolmodelle, die Terrorismus, kriegerische Ereignisse und Großkatastrophen ausklammern. Der maximale Schaden eines Super-GAUs in Deutschland würde auf 6,09 Billionen Euro geschätzt – eine Summe, die weit jenseits jeder privatwirtschaftlichen Absicherungsmöglichkeit liegt. Jede Kilowattstunde Atomstrom enthält damit eine massive implizite Staatssubvention, die in keiner Preisrechnung auftaucht.


Das ungelöste Entsorgungsproblem

Jahrzehntelanger Atombetrieb hat ein Erbe hinterlassen, das bis heute keine Lösung gefunden hat: Ein deutsches Endlager für hochradioaktiven Atommüll existiert nicht. Die Standortsuche läuft – mit einem Zeithorizont bis voraussichtlich 2046 für die Entscheidung und deutlich länger bis zur Betriebsaufnahme. Die bisherigen Rückstellungen der AKW-Betreiber für Rückbau und Entsorgung wurden in einem öffentlich-rechtlichen Fonds gebündelt, nachdem das DIW auf das Risiko hingewiesen hatte, dass sich Konzerne durch Umstrukturierungen ihrer Haftung entziehen könnten. Ein Wiedereinstieg würde die Entsorgungsproblematik potenzieren – ohne dass ein Konzept für die Endlagerung des zusätzlichen Atommülls existierte.


SMR: Technologiehoffnung ohne realen Zeithorizont

Small Modular Reactors (SMRs) werden von Befürwortern als moderne, kostengünstige Alternative versprochen. Die Realität ist ernüchternd. Das einzige nennenswerte kommerzielle SMR-Projekt in westlichen Ländern – NuScale in den USA – wurde im November 2023 eingestellt, nachdem die veranschlagten Kosten von 5,3 auf 9,3 Milliarden Dollar gestiegen waren. Grundsätzlich gilt physikalisch und ökonomisch: Kleine Reaktoren haben höhere spezifische Baukosten pro Kilowatt als große, weil der Skalierungsvorteil entfällt. Laut einer Analyse müssten im Mittel 3.000 SMR produziert werden, bevor sich der Produktionseinstieg überhaupt amortisieren würde.

Ein weiterer Aspekt, der in der Debatte fast vollständig fehlt: Sicherheit und Angriffsvulnerabilität. Große Atomkraftwerke konzentrieren das Risiko auf wenige, gut bewachte und schwer angreifbare Hochsicherheitsstandorte. Einer Verteilung von SMRs über das Land – die notwendig wäre, um überhaupt relevante Leistungsmengen zu erzeugen – stünde ein entsprechend verteiltes Angriffspotenzial gegenüber. Schon bei bestehenden Großkraftwerken kam die Umweltorganisation BUND nach dem Fukushima-Stresstest zum Schluss, dass der Schutz gegen gezielte Angriffe aus der Luft unzureichend ist. Kleinere, dezentralere Anlagen wären logistisch deutlich schwerer zu schützen – ein Sicherheitsrisiko, das in keiner SMR-Hochglanzbroschüre erscheint.

Ein Gutachten des Öko-Instituts im Auftrag des Bundesamts für nukleare Entsorgungssicherheit (BASE) bestätigt zudem, dass bei einem schweren Unfall an einem SMR die radioaktive Kontamination – anders als von manchen Herstellern suggeriert – deutlich über das Anlagengelände hinausreichen würde.


Fazit: Populismus statt Energiepolitik

Die Forderung nach einem atomaren Wiedereinstieg ignoriert konsequent die Gleichzeitigkeit mehrerer unlösbarer Probleme: keine privat-wirtschaftliche Finanzierbarkeit ohne massive Staatssubventionen, keine Versicherbarkeit, keine verfügbaren Betreiber, keine Lösung der Endlagerfrage, und vor allem: keinen Zeitrahmen, der mit dem Klimaschutzziel 2045 vereinbar wäre. Erneuerbare Energien – Solar und Wind – sind heute bereits deutlich günstiger in der Stromgestehung und skalieren in Jahren statt Jahrzehnten. Die Energiepolitik mit Atomkraft-Nostalgie zu belasten ist kein Fortschritt – es ist ein teurer Umweg, der nirgendwo hinführt.