Die große Schmutzkampagnen-Show – oder: Wer im Glashaus sitzt

Der Wahlkampf zur Landtagswahl in Baden-Württemberg ist entschieden. Cem Özdemir hat das Rennen knapp gemacht – und die CDU kämpft seither heftiger gegen das Ergebnis als je zuvor gegen den politischen Gegner. Das Zauberwort heißt: „Schmutzkampagne.“ Doch lohnt ein nüchterner Blick auf das, was tatsächlich passiert ist.

Was war wirklich passiert?

Auslöser ist ein acht Jahre altes Video aus dem Jahr 2018. Der damals 29-jährige Manuel Hagel schwärmte nach einem Schulbesuch vor laufender Kamera von den „rehbraunen Augen“ einer etwa 16-jährigen Schülerin. Die grüne Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer aus Karlsruhe teilte diesen frei im Netz zugänglichen Mitschnitt bei Instagram – nach eigener Aussage ohne wahlkampftaktische Hintergedanken.​

Hagel selbst ließ daran keinen Zweifel: „Das war Mist“, und er bereue es „von ganzem Herzen.“ Das Video ist keine Fälschung, kein Deep Fake, keine Erfindung – es zeigt reales, vom Protagonisten selbst eingeräumtes Fehlverhalten. Und wie Stuttgarter-Zeitung-Kommentator Reiner Ruf festhält: „Das inkriminierte Video mit Hagels Bericht von einem Schulbesuch ist keine Fälschung, der breiten Öffentlichkeit war es neu.“​

Die CDU dreht die Lautstärkeregler voll auf

Was folgte, war beeindruckend in seiner Intensität. Vize-Ministerpräsident Thomas Strobl griff zur großen Rhetorik-Keule: Eine Kampagne „aus der untersten Schublade.“ CDU-Generalsekretär Tobias Vogt warf den Grünen vor, ihren „moralischen Kompass verloren“ zu haben. Hagel sprach am Wahlabend davon, der Wahlkampf sei „deutlich unter der Gürtellinie“ geführt worden. Und aus Bayern reiste Markus Söder an, um zu befinden: „Ohne diese Schmutzkampagne wäre es anders ausgegangen.“

Das alles für ein einziges, echtes, vom Betroffenen selbst als Fehler anerkanntes Video. Die BILD-Zeitung – kein grünes Hausblatt – titelte bereits: „CDU will Rache: Das wird teuer für Özdemir.“ Wenn eine Partei die Opferrolle so offen als Verhandlungsmasse in Koalitionsgespräche einbringt, ist das keine politische Fairnessdebatte. Das ist Taktik.

Kränkung plus Kalkül = toxisch

Reiner Ruf bringt es in der Stuttgarter Zeitung auf eine präzise Formel: Die CDU „benutzt die imaginierte Kränkung als Instrument, um Druck aufzubauen für Koalitionsverhandlungen. Diese Mischung ist toxisch.“ Die Verhaltensforschung spreche schlicht von „Aggression als Reaktion auf Frustration“ – psychologisch nachvollziehbar, politisch aber kein Freifahrtschein.​

Besonders bemerkenswert: Die CDU verweist immer wieder darauf, bei den Erststimmen vorn gelegen zu haben. Ruf entlarvt auch das als Nebelkerze: „Entscheidend für die Größe der Fraktionen im Parlament sind die Zweitstimmen. Dass die Wahlkreiskandidaten der CDU besser abschnitten als ihr Spitzenkandidat bei den Zweitstimmen, beweist doch gerade: Viele CDU-Wähler wollten Özdemir als Ministerpräsidenten, nicht Hagel.“ Das ist das neue Zweistimmenwahlrecht in Aktion – und ein ziemlich deutliches demokratisches Signal.​

Ein kurzer Blick in den Rückspiegel

Nun zur Gretchenfrage: Wie hielt es die CDU selbst mit dem sauberen Wahlkampf? CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann betrieb im Bundestagswahlkampf 2025 systematische Feindbildpflege gegen die Grünen und erklärte öffentlich, sie würden „einfach das komplette Land verunsichern.“ Das Heizungsgesetz wurde von der CDU jahrelang zur politischen Panikmache eingesetzt, CDU-Politiker warnten öffentlich vor „Aufruhr in der Bevölkerung.“ Die persönlichen Attacken auf Annalena Baerbock und Robert Habeck als angebliche Wohlstandsgefährder gehörten über Jahre zum Standardrepertoire.

Ruf formuliert es diplomatisch, aber unmissverständlich: „Angesichts dessen, was die Grünen in den vergangenen Jahren von der Union schon alles zu hören bekamen, wirkt die Schmutzkampagnen-Kampagne ihrerseits bigott.“​

Was jetzt auf dem Spiel steht

Die mögliche grün-schwarze Landesregierung wäre nach Rufs Einschätzung „diejenige mit der größten Parlamentsmehrheit in der Landesgeschichte – und zugleich womöglich die instabilste.“ Denn: Es genüge ein einziger Fraktionswechsel, um die Machtverhältnisse zu kippen – wie es in der vergangenen Legislatur bereits einmal passierte.​

Umso wichtiger wäre ein vernünftiges persönliches Verhältnis zwischen Hagel und Özdemir. Doch während Kretschmann in der CDU „fast schon Verehrung genoss, erfährt Özdemir eine mitunter brutale Abneigung.“ Woran das liegt, lässt Ruf bewusst offen. Man darf spekulieren.​

Fazit

Die CDU straft mit ihrem Verhalten nach der Wahl ihren eigenen Wahlkampf Lügen – hatte sie doch „allerorten verkündet, ihr ganzes Trachten gelte dem Wohl des Landes.“ Ein einziges, authentisches, vom Betroffenen selbst als Fehler eingeräumtes Video als „nie dagewesene Schmutzkampagne“ zu bezeichnen – das hält der Realität nicht stand. Die CDU täte gut daran, aus dem Schützengraben herauszusteigen.​

Das Land braucht eine handlungsfähige Regierung. Der Auftrag zur Regierungsbildung liegt bei Özdemir. Das anzuerkennen entspricht, wie Ruf schreibt, schlicht „den demokratischen Gepflogenheiten.“

Quellen: Stuttgarter Zeitung (Kommentar Reiner Ruf, 10.03.2026), taz, Deutschlandfunk, n-tv, BILD, Rundschau Online